NSAR für Gicht-Prophylaxe haben kardiovaskuläres Risiko

Comparative Cardiovascular Safety of Nonsteroidal Anti-Inflammatory Drug Versus Colchicine Use When Initiating Urate-Lowering Therapy Among Patients With Gout: Target Trial Emulations

Yokose C. et al. Arthritis Rheumatol 2025;doi:10.1002/art.43259

Bei 18’120 Erwachsenen (Männer 83.5 %, Alter 61 Jahre) mit Gicht, die neu Allopurinol mit NSAR oder Colchicin begannen, war die Inzidenz von MACE (Myokardinfarkt [MI], Schlaganfall oder kardiovaskulärer Tod) und kardiovaskulärem Tod bei NSAR höher als bei Colchicin: 38.8 vs. 10.9 pro 1000 Personenjahre bzw. Hazard Ratios (HRs) 1.56 vs. 2.50. Im Vergleich zu keiner Prophylaxe war die Anwendung von NSAR mit einem höheren Risiko für MACE und MI verbunden (HRs 1.50 vs. 1.93).

Bei der initialen Behandlung von Gicht-Patienten mit Allopurinol war in dieser Population die NSAR-Prophylaxe mit einem höheren MACE-Risiko verbunden als mit Colchicin oder ohne Prophylaxe. Das MACE-Risiko von NSAR war 56 % höher und das CV-Tod-Risiko 2,5 Mal höher gegenüber Colchicin; gegenüber Placebo war das MACE-Risiko von NSAR 50 % höher, während keine Differenz zu Colchicin bestand. – Bei Patienten mit Hyperurikämie und Gicht sowie bekanntem kardiovaskulären Risiko empfiehlt sich deshalb zu Beginn der Allopurinol-Therapie die Prophylaxe mit Colchizin.

Zur Studie
KD Dr. Marcel Weber
Zürich

Erhöhen Kalziumsupplemente das Demenzrisiko?

Calcium supplementation and the risk of dementia in the Perth Longitudinal Study of Aging Women: a post-hoc analysis of a randomised clinical trial for fracture prevention

Ghasemifard N et al. The Lancet Regional Health 2025:online ahead of print

Kalziumpräparate werden älteren Frauen häufig zur Prävention und Therapie von Osteoporose und Frakturen empfohlen. Beobachtungsstudien hatten jedoch den Verdacht geäußert, dass eine erhöhte Kalziumzufuhr – eventuell über vaskuläre Verkalkungen – das Demenzrisiko steigern könnte. Randomisierte Studien zu reinem Kalzium (ohne Vitamin D) lagen bislang nicht vor.

Diese Post-hoc-Analyse einer randomisierten, placebokontrollierten Doppelblindstudie untersuchte, ob eine fünfjährige Kalziumsupplementierung das Risiko einer späteren Demenz erhöht.

Insgesamt wurden 1460 selbstständig lebende, zu Studienbeginn demenzfreie australische Frauen ≥ 70 Jahre aus der Calcium Intake Fracture Outcome Study (CAIFOS) einbezogen. Sie erhielten fünf Jahre lang entweder täglich 1200 mg Kalziumcarbonat (n = 730) oder Placebo (n = 730). Die Nachbeobachtung erfolgte anschließend über weitere 9,5 Jahre, sodass eine Gesamtlaufzeit von 14,5 Jahren resultierte. Primärer Endpunkt war jedes demenzbedingte Ereignis (Hospitalisation und/oder Tod). Demenzfälle wurden mittels verknüpfter Krankenhaus- und Sterberegister anhand standardisierter ICD-9/-10-Diagnosen erfasst.

Das Durchschnittsalter betrug 75,1 ± 2,7 Jahre. 18,4 % (n = 269) entwickelten über 14,5 Jahre eine Demenz. Demenzerkrankungen traten im Verlauf bei 19,3 % der Placebo Patientinnen und bei 17.5% bei Frauen, die Calciumsupplemente erhielten, auf. Demenzbedingte Todesfälle bei 8,8 % vs. 6,8 %. Die Unterschiede waren statistisch nicht signifikant.  Auch nach multivariater Adjustierung, in Untergruppenanalysen (z. B. Frauen mit atherosklerotischer Gefäßerkrankung) oder bei Berücksichtigung von subklinischer Gefäßpathologie (Carotis-Plaques, Intima-Media-Dicke) ergaben sich keine erhöhten Risiken. Der Mini-Mental-Test am Ende der Interventionsphase zeigte keine Unterschiede zwischen den Gruppen.

Kommentar
Eine fünfjährige Einnahme von 1200 mg Kalziumcarbonat täglich erhöhte über eine Nachbeobachtungszeit von 14,5 Jahren weder das Risiko für Demenz noch für demenzbedingte Hospitalisationen oder Todesfälle. Frühere Bedenken, wonach Kalziumpräparate über vaskuläre Mechanismen kognitive Schäden verursachen könnten, werden durch diese Daten nicht bestätigt.

Zur Studie
Dr. Thomas Langenegger
Baar

Colchizin: Potential

Colchicine in Contemporary Pharmacotherapy: Mechanistic Insights and Clinical Horizons

Wolowiec L. et al. J Clin Med 2025;14:7078

Die vorliegende Übersicht befasst sich mit Colchizin in seiner Bedeutung bezüglich kardiovaskulärer und dermatologischer Erkrankungen sowie mit Therapieaspekten bei COVID-19-Infektion.

Colchizin hemmt das NLRP3 Inflammasom und führt zu einer Abschwächung der Überproduktion von Zytokinen («Zytokinsturm»). Gute Daten liegen vor, welche die Wirksamkeit von Colchizin in folgenden Punkten belegen: Risikoreduktion betreffend Perikarditis, koronare Herzerkrankung und Vorhofflimmern; in der Dermatologie ist die Evidenz weniger stark, jedoch erscheint ein deutliches Potential vorhanden zu sein in der Behandlung der leukozytoklastischen Vaskulitis, der kutanen Amyloidose und des Pemphigus. Bei COVID-19 Erkrankten zeigt sich ein Potential von Colchizin in Bezug auf den Verlauf bei schwerer Erkrankung (Zytokinsturm).

Fazit
Colchizin, ein fettlösliches Alkaloid, gewonnnen aus der Herbstzeitlose (Colchicum) wurde erstmals im sechsten Jahrhundert von einem biyantinischen Arzt für die Behandlung der Gicht angewandt. Inzwischen erreichte Colchizin einen hohen Stellenwert in der Rheumatologie, denken wir nur an die Gicht oder etwa das familiäre Mittelmeer-Fieber sowie gewisse Manifestationen des Morbus Behçet wie akute Arthritis oder mukokutane Manifestationen.

Das vorliegende Review zeigt nun eine belegte Wirksamkeit auch in anderen Fachgebieten, insbesondere der kardiovaskulären Medizin in Bezug auf Behandlung und Prophylaxe von Perikarditis, koronare Herzkrankheit und Vorhofflimmern. Etwas weniger belegt sind Anwendungsmöglichkeiten in der Dermatologie, erfolgreiche Verläufe sind jedoch beschrieben, insbesondere auch bei schweren Erkrankungen. Wichtig ist bei der Anwendung von Colchizin die Beachtung der Dosierung, da bei Überdosierung ernsthafte Nebenwirkungen auftreten können und es zudem kein spezifisches Antidot gibt. Das Potential von Colchizin ist jedoch gross, nicht zuletzt lässt sich oft bei Komorbiditäten der Einsatz von NSAR ersparen.

Zur Studie
Prof. Dr. Beat A. Michel
Zürich