Glucocorticoidgaben bei Riesenzellarteriitis im klinischen Alltag

Real World Steroid Burden, Treatment Patterns, and Rheumatologists’ Perceptions on Advanced Therapy in Giant Cell Arteritis

Dua AB et al. Rheumatol Ther 2026:Online ahead of print

Diese Studie hat im Rahmen einer Umfrage bei Rheumatologinnen und Rheumatologen aus 5 europäischen Ländern (646 Patienten) und den Vereinigten Staaten (200 Patienten) das aktuelle «real-world-management» bezüglich Glucocorticoiden (GC) bei Menschen mit einer Riesenzellarteriitis (RZA) erhoben.

Die häufigste Begleitmedikation war Tocilizumab oder Methotrexat.

Insgesamt sprachen sich 93% der Rheumatologen für eine frühzeitige innovative Therapie (also ausserhalb der reinen Glucocorticoidgabe) aus – inclusive einer möglichen Beendigung von GC nach spätestens 24 Monaten –  verschrieben wurde eine solche «innovative»  Therapie dann von lediglich 48%. Zudem nahmen 75 % der Patienten nach ≥ 48 Monaten noch Glukokortikoide ein.

Bei 20% der Betroffenen lag zudem eine Osteoporose vor, in der Häufigkeit gefolgt von einem Diabetes mellitus mit 16%.

Kommentar
In dieser Befragung zeigt sich klar, dass die Dauer der Glucocorticoidgaben (GC) bei Patienten mit Riesenzellarteriitiden im klinischen Alltag immer noch prolongiert ist. Dies obwohl die Hinzunahme einer potenten Immunsuppression zumindest theoretisch zu einem Stopp der GC nach 6-monatiger Therapiedauer führen könnte, wenn auch Rezidive sehr wohl bekannt und im Alltag nicht zu unterschätzen sind.

Nicht jede Patientin/jeder Patient muss zwingend auf eine Begleitmedikation zusätzlich zu GC bei Vorliegen einer RZA eingestellt werden. Man darf sich allerdings fragen, warum bei guter Datenlage, mittlerweile langjähriger Erfahrung zumindest mit MTX und auch mit Tocilizumab, neu auch seit wenigen Jahren mit Upadacitinib, weiterhin bei den allermeisten RZA Patienten zumindest gemäss diesen Daten auf GC «alone» über einen längeren Zeitraum gesetzt wird. Wir wissen um die Folgen dieser Therapie, s. auch Osteoporose und Diabetes als «Begleit-» oder eher Folgeerkrankung und dürfen (zumindest in diesem Land) «innovative» Therapiestrategien im Alltag umsetzen.

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Prof. Dr. Sabine Adler
Aarau

Bewegungsapparat kostet immer mehr

Global and high-income regional burden and healthcare costs of musculoskeletal diseases, 1990-2023

Yao Y. et al. Ann Rheum Dis 2026;S0003-4967(26)00277-3

Die Autoren analysierten Daten aus der Global Burden of Disease 2023-Datenbank hinsichtlich der Trends für Inzidenz, Prävalenz und Jahre mit Behinderung (years lived with disability, YLDs) für muskuloskelettale Erkrankungen (MSD) in 36 Ländern (Andorra, Argentinien, Australien, Belgien, Brunei, Chile, Dänemark, Deutschland, England, Finnland, Frankreich, Griechenland, Grönland, Irland, Island, Israel, Italien, Japan, Kanada, Luxemburg, Malta, Monaco, Neuseeland, Niederlande, Norwegen, Oesterreich, Portugal, San Marino, Schweiz, Schweden, Singapur, Spanien, Südkorea, USA, Uruguay, Zypern) mit hohem Einkommen von 1990 bis 2023. Die Gesamtzahl der Inzidenz- und Prävalenzfälle und der YLDs für MSD in einkommensstarken Regionen stieg im Zeitraum von 1990 bis 2023 um 36.75 %, 54.28 % bzw. 49.36 % an. Obwohl die altersstandardisierte Inzidenzrate um 4.07 % sank, stiegen die Prävalenz- und YLD-Raten um 5.04 % bzw. 3.98 % an, was auf eine stetig wachsende absolute Krankheitslast hinweist. Kreuzschmerzen und Arthrose waren die beiden teuersten Diagnosen. Bei allen MSD-Einzeldiagnosen ausser Gicht waren die Ausgaben für Frauen höher als für Männer. Im Jahr 2023 erreichten die direkten medizinischen Kosten im Zusammenhang mit MSD bis zu 327.68 Milliarden US-Dollar, wobei USA >45 % davon ausmachten. Auf Länderebene trugen die USA, Japan, Deutschland und Grossbritannien die höchste absolute Belastung durch MSD, während San Marino, Monaco und Grönland die geringste absolute Belastung aufwiesen. Hinsichtlich Risikofaktoren, gemessen mit dem Bayesschen Meta-Regressionsmodell, stieg der Anteil der YLDs, die auf einen hohen Body-Mass-Index (BMI) zurückzuführen sind, von 8.3 % im Jahr 1990 auf 10.7 % im Jahr 2023. Der Beitrag der arbeitsbedingten ergonomischen Faktoren blieb bei 7.7 % stabil, während der Einfluss des Rauchens um 30 % abnahm. Die Spearman-Korrelationsanalyse ergab keinen signifikanten Zusammenhang zwischen dem soziodemografischen Index (SDI) und der Entwicklung der MSD-Krankheitslast.

Es ist erstaunlich, dass trotz aller Bemühungen einerseits unserer Wohlfahrtsstaaten und andererseits mit den individuellen Trends wie Gesundheitsverständnis und Wunsch nach Langlebigkeit (longevity) die Krankheitslast von Beschwerden am Bewegungsapparat in den letzten 30 Jahren kontinuierlich zu- statt wie gehofft abnahm. Besonders ungünstig ist die zunehmende Fettleibigkeit. Aber auch ergonomische Faktoren haben trotz veränderter Arbeitsplätze, maschinellen Erleichterungen und verkürzter Arbeitszeit nicht abgenommen.  –  Wer möchte neue Präventivstrategien diskutieren?

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KD Dr. Marcel Weber
Zürich

Mycophenolat Mofetil wirkt protektiv auf akrale vaskuläre Komplikationen bei der limitierten Systemsklerose

Mycophenolate Mofetil Treatment Reduces the Risk of Treatment Escalation Due to Vascular Complications in Limited Cutaneous Systemic Sclerosis: Emulation of a Target Trial from the Italian Rheumatology Society SPRING Registry

De Lorenzis E et al. Arthritis Care Res 2026;78(9):1130

Bei der limitierten kutanen systemischen Sklerose (lcSSc) wird Mycophenolat-Mofetil (MMF) deutlich seltener eingesetzt als bei diffuser SSc, da entzündliche und fibrotische Organmanifestationen weniger ausgeprägt sind. Präklinische und klinische Daten sprechen jedoch dafür, dass MMF auch endotheliale Aktivierung und mikrovaskuläre Schädigung beeinflussen könnte. Die Studie untersuchte deshalb, ob MMF bei der lcSSc mit einem geringeren Risiko für eine Eskalation der vasodilatatorischen Therapie aufgrund vaskulärer Komplikationen verbunden ist.

Grundlage waren Daten aus dem italienischen SPRING-Register mit insgesamt 1’435 lcSSc-Patienten. Mittels zeitabhängigem Propensity-Score-Matching wurden 107 MMF-behandelte Patienten mit 107 vergleichbaren Kontrollen ohne MMF verglichen.

Primärer Endpunkt war eine Eskalation der vasoaktiven/vasodilatatorischen Therapie wegen neu aufgetretener oder unkontrollierter vaskulärer Manifestationen, vor allem digitaler Ulzera oder schwerem Raynaud-Phänomen.

Nach median 40,5 Monaten trat eine Therapieeskalation bei 1 Patienten unter MMF und bei 17 Patienten ohne MMF auf. Die Ereignisrate betrug 0,3 vs. 5,4 pro 100 Patientenjahre. MMF war damit mit einer deutlichen Risikoreduktion assoziiert (HR 0,05; 95%-KI 0,01–0,38; p=0,004). Die Sensitivitätsanalyse bestätigte dieses Ergebnis.

Fazit
MMF könnte bei lcSSc neben seiner immunsuppressiven Wirkung auch einen vaskuloprotektiven Effekt besitzen und das Risiko für eine Eskalation der vaskulären Therapie deutlich reduzieren. Die Daten dieser Studie sind jedoch retrospektiv erhoben worden. Zum Beweis dieser Resultate wäre eine prospektive randomisierte Studie erforderlich.

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Dr. Thomas Langenegger
Baar

Prognose von Lungenerkrankung und Mortalität bei SSk mittels HR-CT

Radiomic analysis of high-resolution computed tomography predicts interstitial lung disease progression and mortality in systemic sclerosis

Iacovantuono M et al. Rheumatology 2026;65(9):keag463

HRCT-Studie mit Schweizer Beteiligung betreffend prognostische Aussagekraft in Bezug auf die Progression der interstitiellen Lungenerkrankung (ILD) sowie der Mortalität bei systemischer Sklerose (SSk).

Von 313 Patienten mit SSk-ILD verstarben über eine mittlere Beobachtungsdauer von 42 Monaten 65 (24%).

Das pulmonale Gefässvolumen erwies sich als prognostisch für die Mortalität (HR 1.21), besonders betreffend die oberen Lungenareale. In den jährlichen Verlaufskontrollen fand sich in 51% mindestens eine Episode einer Progression der SSk-ILD. Das Ausmass der «Honigwaben»-Bildung erwies sich als prognostisch für eine ILD-Progression (OR 1.53).

Fazit
Mittels moderner Bildanalyse (radiomics) von HRCTs bei SSk-ILD gelang es den Autoren, sowohl eine Voraussage der Progression der ILD wir auch der Mortalität abzuschätzen. Diese Methode erlaubt eine Risikobeurteilung und damit eine spezifischere Betreuung der SSk-ILD-Patienten.

Zur Studie
Prof. Dr. Beat A. Michel
Zürich